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Stevia: Die gesunde Alternative zu Zucker?

Das pflanzliche Süßungsmittel Stevia ist seit Dezember 2011 in Deutschland zugelassen. Es ist kalorienarm und verträglich für Diabetiker. Welche Chancen und Grenzen der Süßstoff hat


Stevia ist bis zu 300 Mal süßer als Zucker und hat keine Kalorien

Praktisch keine Kalorien, keine Kariesgefahr und dabei süßer als Zucker: Stevia. Die Europäische Kommission hat den Süßstoff in der EU zugelassen, nachdem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Pflanze bescheinigt hat. Seit 2. Dezember 2011 ist das Süßungsmittel damit auch in Deutschland erlaubt und darf – in einem bestimmten Rahmen – alkoholfreien Getränken, Joghurt, Müsli, Schokolade und anderen Süßigkeiten zugesetzt werden. Der Süßstoff Steviolglycosid wird als E 960 auf den Lebensmittelverpackungen gekennzeichnet sein und ist je nach Verarbeitung zwischen 40 und 300 Mal süßer als Zucker.

Ist damit die lang ersehnte Lösung für alle Menschen mit Übergewicht und Diabetes gekommen? Oder ist die Vermarktung des in Südamerika beheimateten Süßkrauts nur ein Riesen-Coup für die Lebensmittelindustrie? Ein Interview mit Peter Liese, deutscher Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg und Mediziner aus Meschede (Nordrhein-Westfalen), über die Chancen und Grenzen des neuen Süßungsmittels:


Herr Liese, revolutioniert Stevia jetzt den Lebensmittelmarkt?

Ich halte die Zulassung in der Europäischen Union für einen richtigen Schritt. Stevia hat viele Vorteile – aber auch Grenzen. Ich würde sagen, es ist eine Revolution mit angezogener Handbremse. Schließlich darf der Süßstoff nur innerhalb gewisser Höchstmengen zugesetzt werden. Sehr süße Limonaden wie Cola dürfen Hersteller zum Beispiel nicht vollständig mit Stevia süßen. In diesem Fall kann der Zuckergehalt lediglich um etwa 30 Prozent gesenkt werden.

Warum hat die Europäische Kommission diese Höchstmengen festgesetzt?

Es war lange umstritten, ob Stevia eventuell krebserregend oder schädlich für das menschliche Erbgut sein könnte. Experten der Europäischen Union haben diese Risiken untersucht und halten den Süßstoff im Rahmen der festgelegten Höchstmengen von vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht für unbedenklich. Stevia wird schon seit Jahren in anderen Ländern verwendet. Zum Beispiel in den USA und in Frankreich. Und natürlich in Südamerika, wo die Pflanze ursprünglich herkommt.

Wie ist die Entscheidung in der Europäischen Union abgelaufen?

Nach der Prüfung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat die Europäische Kommission Stevia als Zusatzstoff für insgesamt 31 Lebensmittel-Kategorien rechtskräftig zugelassen. Das Europaparlament hätte diese Entscheidung stoppen können, wenn es Zweifel gehabt hätte.

Was halten Sie als Arzt von Stevia?

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen von Übergewicht und Typ-2-Diabetes betroffen sind, ist Stevia einer von vielen Beiträgen, den Zuckerkonsum der Verbraucher zu reduzieren. Das ist eine gute Entwicklung. Aber Stevia wird Zucker niemals völlig ersetzen – selbst, wenn es keine Höchstmengen gäbe. Stevia schmeckt nicht zu 100 Prozent wie Zucker und der Geschmack ist nicht in jedem Lebensmittel gleich. In einem Joghurt schmeckt der neue Süßstoff zum Beispiel anders als in einem Softdrink oder Tee.

Es gibt doch bereits Süßstoffe, die ebenfalls keine Kalorien haben und den Blutzucker von Diabetikern nicht ansteigen lassen. Hat der Verbraucher mit der Einführung von Stevia überhaupt einen Vorteil?

Im Gegensatz zu den synthetischen Zuckerersatzstoffen wird Stevia aus einer Pflanze gewonnen. Das mag für einige Verbraucher eher akzeptabel sein als künstliche Produkte. Außerdem hat Stevia ein viel höheres Süßungspotenzial als alles Bisherige.

Wie schnell rechnen Sie damit, dass Produkte, die Stevia enthalten, auf den deutschen Markt kommen?

Das wird – wenn überhaupt – wohl nur wenige Wochen dauern. Die Produkte gibt es ja schon, nur waren sie bisher in Deutschland nicht erlaubt.

Werden die Nahrungsmittel jetzt womöglich teurer?

Ich hoffe nicht. Jedenfalls wäre ein Preisanstieg nicht gerechtfertigt. Stevia ist nicht teuer in der Herstellung.

Gibt es überhaupt genügend Stevia-Pflanzen, um den steigenden Bedarf zu decken?

Stevia kommt zwar aus Südamerika und hat dort eine jahrhundertelange Tradition als Heilpflanze und Süßungsmittel. Es wird aber schon längst auch in anderen Ländern der Erde angebaut und ist einfach zu kultivieren, übrigens auch in Deutschland. Das könnte ein lukratives Geschäft für deutsche Landwirte werden.

Summa summarum: Würden Sie deutschen Verbrauchern raten, künftig Produkte zu kaufen, in denen Stevia enthalten ist?

Grundsätzlich ja. Gesundheitlich halte ich Stevia für unbedenklich beziehungsweise sehe ich viele Vorteile. Aber ob und in welchen Lebensmitteln es schmeckt, muss jeder Verbraucher für sich selbst entscheiden.


Dr. Peter Liese (CDU) ist Kinderarzt und deutscher Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg



Simone Herzner / www.apotheken-umschau.de; 01.12.2011, aktualisiert am 26.03.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Fotolia/Gerhardt Seybert

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