Der Duft von frisch gebackenem Brot hat sicherlich schon so manche Diät torpediert. Der verführerischen Verlockung kann kaum einer widerstehen. Aber sind Backwaren oder andere kohlenhydratreiche Lebensmittel denn überhaupt so figurunfreundlich? Das Gerücht hält sich hartnäckig. Wir sind der Sache mal auf den Grund gegangen.
Professor Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums in München, ist einer der führenden Ernährungsmediziner Deutschlands. Er beantwortet unsere Fragen.
Herr Hauner, machen Kohlenhydrate wirklich dick?
Das darf man nicht pauschalisieren. Es kommt immer auf die Gesamtenergie-Bilanz an, das Verhältnis der Kalorien, die der Mensch zu sich nimmt, und derjenigen, die er letztendlich verbraucht. Sicherlich mit Vorsicht zu genießen sind extrem zucker-, also kohlenhydratreiche Getränke.
US-amerikanische Studien haben gezeigt, dass der hohe Konsum zuckriger Limonaden bei Kindern und Jugendlichen oft Übergewicht verursacht. In den USA sind die süßen Getränke bekanntlich besonders beliebt. Es gibt Kinder, die bis zu 30 Prozent der empfohlenen Gesamtkalorien aus diesen Getränken ziehen. In Deutschland ist der Konsum leider nur unwesentlich weniger. Nur gibt es hier bis jetzt noch keine entsprechenden Erhebungen.
Woher kommt der schlechte Ruf der Kohlenhydrate?
Der Genuss von Kohlenhydraten setzt Insulin frei. Das wiederum kann ein Hungergefühl hervorrufen. Aber es gibt verschiedene Sorten von Kohlenhydraten. Die einen werden vom Körper sofort aufgenommen, sie passieren schnell den Magen. Ein Sättigungsgefühl hält nicht lange vor. Es kommt zu starken Blutzuckerschwankungen. Allerdings konsumiert ja kaum jemand pure Kohlenhydrate. Im Zusammenspiel mit anderen Nahrungsmittelbestandteilen, wie Fett, Eiweiß oder Ballaststoffen, läuft die Sättigung viel komplizierter ab.
Komplexe und ballaststoffreiche Kohlenhydrate wirken sogar schützend gegen Übergewicht. Der Körper braucht für die Verdauung mehr Zeit, auch die Magenpassage dauert länger. Kohlenhydrat ist nicht gleich Kohlenhydrat – eine Unterscheidung ist sinnvoll.
Welche Lebensmittel sind besonders kohlenhydratreich?
Kartoffeln, Obst, Reis, Nudeln und Brotwaren. Vollkornprodukte enthalten mehr von den "guten", ballaststoffreichen Kohlenhydraten. Obst kann auch ziemlich viel Zucker liefern.
Was halten Sie von einer stark kohlenhydratreduzierten Ernährung, wie beispielsweise der Atkins-Diät?
Diese Ernährung ist nicht empfehlenswert. Sie ist sehr einseitig und am Ende nicht einmal erfolgreich, wenn man abnehmen möchte. Der Mensch braucht Kohlenhydrate – Glukose ist der wichtigste Energieträger. Das Gehirn bezieht seine Energie ausschließlich aus der Verbrennung von Glukose, aber auch die Muskulatur benötigt den Zucker als Energiequelle.
Welche Menge Kohlenhydrate pro Tag empfehlen Sie?
40 bis 65 Prozent der gesamten Energiemenge sollten Kohlenhydrate liefern. Wie viel das beim Einzelnen ist, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Es lässt sich nicht verallgemeinern.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
26.03.2010, aktualisiert am 05.01.2012
Bildnachweis: Thinkstock/Goodshot
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