Die Europäische Union hat sich auf eine einheitliche Lebensmittelkennzeichnung sowie einige neue Kennzeichnungspflichten geeinigt. Spätestens nach drei Jahren muss die neue Regelung umgesetzt werden. Die Nährwertkennzeichnung wird nach fünf Jahren verbindlich. Kritiker bewerten die neuen Regeln als Erfolg der Industrielobby.
Schon im Vorfeld hatte sich das EU-Parlament gegen eine Ampelkennzeichnung ausgesprochen, wie sie Verbraucherverbände, Ärzte und Krankenkassen gefordert hatten. Rot hätte einen hohen, Gelb einen mittleren und Grün einen geringen Anteil des jeweiligen Nährstoffs signalisiert. Die Lebensmittelindustrie sträubte sich gegen diese farbliche Darstellung mit Signalcharakter.
„Die Lebensmittelampel liefert nur scheinbar einfache Ergebnisse, führt aber vielfach in die Irre“, kritisiert Dr. Andrea Moritz vom Bund für Lebensmittelrecht und -kunde in Berlin, dem Interessenverband der Lebensmittelindustrie. Lebensmittel ließen sich nicht mit einem solchen Modell bewerten.
„Dass Olivenöl viel Fett enthält, wird die wenigsten Verbraucher überraschen; die Tatsache, dass Frühstücksflocken, Milchmischgetränke oder Snacks vor allem Zucker und Fett enthalten, aber schon“, kontert Christiane Groß von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch.
„Mit der Ampellösung hätten wir auch Verbraucher mit Migrationshintergrund und niedrigem Bildungsniveau erreicht. Mit der vorliegenden Regelung erreichen wir nur diejenigen, die sich sowieso schon überdurchschnittlich für ihre Ernährung interessieren“, sagt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.
Kritikpunkte am Ampelsystem wie auch am Industriemodell – bei diesem werden die einzelnen Werte einer Portion als Prozent des Tagesbedarfs angegeben – findet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). So ließen sich bei der Ampel die Umschlagswerte etwa von Gelb auf Rot wissenschaftlich nicht korrekt ableiten. Beim Industriesystem sei die Herleitung der Bezugsgrößen wissenschaftlich nicht nachvollziehbar.
Trotzdem sei die jetzt beschlossene Kennzeichnung ein erster Schritt für die Verbraucher. Antje Gahl von der DGE: „Unabhängig von der Art der Verpackungsinformationen ist es wichtig, Kunden nicht alleine zu lassen. Flächendeckende Verbraucherbildung und -beratung sind deshalb weiterhin unerlässlich.“
In Zukunft müssen Lebensmittelhersteller in Europa auf der Rückseite der Verpackung bestimmte Nähwertangaben machen
Die neuen Bestimmungen:
Interview mit Christiane Groß, Sprecherin von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch:
Frau Groß, welche Vorteile bringt die neue Regelung?
Im Prinzip schreibt die neue Verordnung nur fest, was die Industrie heute weitgehend schon macht. Hersteller können Nährwertinformationen weiterhin im Kleingedruckten auf der Rückseite verstecken. Immerhin müssen sich die Angaben dort nun auf eine einheitliche Grundmenge beziehen. Die Hersteller dürfen aber auch in Zukunft auf der Produktvorderseite die „Guideline Daily Amounts“ (GDA) verwenden, also Prozentangaben bezogen auf eine angeblich empfohlene Tageszufuhr bestimmter Inhaltsstoffe.
Was spricht gegen diese Art der Kennzeichnung?
Sie bezieht sich auf Portionsgrößen, nicht auf einheitliche Mengen. Die Hersteller können Portionsgrößen selbst festlegen und so die Produkte schönrechnen. Die Richtwerte wiederum hat der CIAA, der europäische Lobby-Verband der Lebensmittelindustrie, selbst festgelegt – unter anderem auch eine Tagesempfehlung für Zucker. Anders als Kohlenhydrate oder Salz braucht unser Körper aber gar keinen Zucker. Dieser Wert wird unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung kritisiert.
Gibt es Studien, die zeigen, dass die Lebensmittelkennzeichnungen tatsächlich einen Einfluss auf das Kauf- bzw. Essverhalten der Bevölkerung haben?
In England haben zum Beispiel die Verkaufszahlen einer Handelskette nach der Einführung der Ampelkennzeichnung gezeigt, dass Verbraucher die Ampel nutzen, um zwischen verschiedenen Produkten einer Kategorie zu entscheiden.
Hat in England die Zahl der Übergewichtigen abgenommen?
In Großbritannien wurde die Ampelkennzeichnung nur auf freiwilliger Basis eingeführt. Man findet die Ampel deshalb auf einigen Produkten, aber längst nicht auf allen. Deshalb sind solche Aussagen bisher nicht möglich. Und natürlich kann die Lebensmittelkennzeichnung auch nur ein Instrument bei der Bekämpfung von Übergewicht sein.
Dr. Karoline Stürmer, Apotheken Umschau;
16.12.2011, aktualisiert am 16.12.2011
Bildnachweis: F1 online, Foodwatch, Thinkstock/iStockphoto
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